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„Wenn Weißwürste durch Schwerte brausen“
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Text von Wolfgang Güttler

1991, also vor 30 Jahren, begann in Deutschland ein neues Eisenbahnzeitalter. Der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker stellte im Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe die Signale für eine neue Ära auf „Freie Fahrt“.

Das Motto lautete damals „Doppelt so schnell wie das Auto, halb so schnell wie das Flugzeug“. Die neuen ICE Hochgeschwindigkeitszüge nahmen ihren Betrieb auf. Die Bahn setzte auf mehr Attraktivität. Bahnreisende sollten schneller und komfortabler ans Ziel gelangen.

Reisende, die um 5:58 Uhr in Hamburg-Altona in den ICE stiegen, erreichten München bereits um 13:20 Uhr. Voraussetzung hierfür waren Planungen für einen Schnellzug, der auf speziellen Schnellfahrstrecken eine Höchstgeschwindigkeit von 250 km/h erreichen konnte.

Bereits 1973 begann der Ausbau der Strecke Hannover -Würzburg zu einer Hochgeschwindigkeitsstrecke. Es dauerte aber noch 12 Jahre, bis der Vorläufer der heutigen ICE Triebzüge 1985 die ersten Probefahrten absolvieren konnte.

Testfahrten für diese schnittigen Elektrotriebzüge fanden auch auf der Strecke Bielefeld – Hamm statt. Im Abschnitt Brackwede – Neubeckum führten die Gleise über viele Kilometer nur geradeaus. Hier wurden bei Probefahrten sogar Geschwindigkeiten von über 300 km/h erreicht.

Dass Schwerte bei Erprobungsfahrten eine wichtige Rolle spielte, wissen nur wenige. Im Januar 1986 pendelte mehrmals täglich ein Messzug zwischen Schwerte und Holzwickede. Hierbei spielte der Ostberger Tunnel eine wichtige Rolle. Der extrem kleine Querschnitt des Tunnels eignete sich hervorragend für Messungen des Druckanstiegs bei Zugbegegnungen mit hohen Geschwindigkeiten innerhalb der Tunnelröhre.

Die Druckaufnehmer, die außen an Fenstern, Wagenübergängen und Lüftungsschlitzen angebracht waren, zeichneten die unterschiedlichen Belastungen an den Bauteilen auf. Werte, die von Technikern für die Weiterentwicklung der ICE Züge ausgewertet wurden.

Bereits kurz nach Aufnahme des Hochgeschwindigkeitsverkehrs in Deutschland fuhren ICE Züge über die Grenzen hinweg in Nachbarländer. Heute gibt es täglich rund 100 ICE Verbindungen ins Ausland.

Die langen, weißen ICE Einheiten mit ihren roten Seitenstreifen wurden von den Eisenbahnfreunden liebevoll „Weißwürste“ genannt.

Leider ist auch eines der schwersten Eisenbahnunglücke nach dem Krieg auf Gleisen der Deutschen Bahn mit dem ICE verknüpft. Am 3. Juni 1998 entgleiste bei hoher Geschwindigkeit ein ICE bei Eschede. Hierbei starben 101 Menschen, 105 wurden schwer verletzt. Ursache war ein defekter Radreifen, der sich gelöst hatte. Das Rad konnte nicht mehr auf der Schiene geführt werden und beim Überfahren einer Weiche kam es bei der hohen Geschwindigkeit zur Entgleisung.

Der ICE ist heute das Rückgrat des Fernverkehrs der Deutschen Bahn AG. Die schnittigen und formschönen ICE Einheiten stehen für schnelle Reisezeiten und hohen Reisekomfort. Der Fernverkehr der Deutschen Bahn fährt zu 100 % mit Ökostrom und ist somit äußerst klimafreundlich. Ziel ist eine Mobilitätswende, die in den nächsten Jahren zu einer Verdoppelung der Fahrgastzahlen im Fernverkehr auf 260 Millionen führen soll.

Bis jetzt brausen die „Weißwürste“ täglich noch ohne Halt durch Schwerte. Aber wer weiß, vielleicht wird Schwerte in Zukunft auch mal ein „ICE Bahnhof“. Alle ICE Züge tragen einen Städtenamen. Und den ICE „Schwerte (Ruhr)“ gibt es schon.

Anlässlich einer Ausstellung zur Schwerter Eisenbahngeschichte im Ruhrtalmuseum 2011, hatte der Eisenbahnfreund Klaus Gerhold die Idee, einen ICE auf den Namen „Schwerte (Ruhr)“ taufen zu lassen. Diese Aktion wurde erfolgreich abgeschlossen. Seit nunmehr 10 Jahren fährt der Name unserer Stadt auf den Gleisen der Deutschen Bahn durch die Metropolen unseres Landes.

Wenn Sie mal mit einem ICE fahren, dann sitzen Sie vielleicht in der „Weißwurst Schwerte (Ruhr)“. Also: „Augen auf und gute Reise!“