Luise Elias – Jüdin im Schwerter Stadtrat
Print Friendly, PDF & Email

 

 

Text von Alfred Hintz

(-tz) Die Einführung des Frauenwahlrecht im November 1918 war ein Meilenstein auf dem Wege zur Gleichberechtigung von Mann und Frau. Durch dieses Gesetz konnten Frauen zum ersten Mal in Deutschland wählen und gewählt werden. Eine von den 150 Frauen, die bei den Kommunalwahlen im Februar und März 1919 aus 2000 westfälischen Städten und Gemeinden in die Kommunalparlamente einzogen, war Luise Elias. Sie vertrat im Schwerter Stadtrat die Politik der Sozialdemokraten.

Der Münsteraner Historiker mit Schwerter Wurzeln, Prof. Dr. Wilfried Reininghaus, hat jetzt unter der Überschrift „Luise Elias aus Schwerte – Jüdin, Sozialdemokratin und Dichterin“ einen wissenschaftlichen Aufsatz über ihr Leben verfasst. Ausgewählte Elias-Gedichte der Jahre 1918/19 im Kontext der historischen Fakten lassen die Vita einer emanzipierten Frau an der Wende vom Kaiserreich zur Weimarer Republik lebendig werden.
In seiner Darstellung geht Reininghaus zunächst auf „die Jüdin und Sozialdemokratin“ Elias ein. In Rheda 1865 als Kind des Lehrers Abraham Steinweg geboren und aufgewachsen mit acht Geschwistern, heiratete sie 1893 den jüdischen Mode- und Textilhändler Sally Elias, der an der unteren Hüsingstraße in Schwerte eine Filiale von „Treu u. Co.“ führte. Elias wurde 1898 Vorsteher der Synagogengemeinde. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor. Luise Elias starb 1923 nach langer Krankheit.

Der öffentlichen Auftakt für Luise Elias` politisches Engagement war der Wahlkampf für die Nationalversammlung im Januar 1919. Sie war Hauptrednerin auf der Schlusskundgebung der SPD vor den Wahlen. Ihr Thema: „Antisemitismus und Wahlagitation“. Bis in den Wochen vor den Kommunalwahlen im März des gleichen Jahres blieb sie politisch aktiv, kandidierte für den Schwerter Stadtrat und wurde über den Listenplatz 3 in den Rat der Stadt gewählt, ebenso Sofie Ludwig (Zentrum) als zweite Frau.

Mit Gelegenheitsgedichten wurde Luise Elias freie Mitarbeiterin der Schwerter Zeitung. 1898 erschien dort ihr erstes Gedicht unter den Pseudonym „Ernst Heiter“. Das Pseudonym behielt sie bis zum Lebensende bei und versuchte, es in der um 1900 nur 10 000 Einwohner zählenden Kleinstadt vergeblich zu wahren. Spätestens 1919 wurde das Geheimnis gelüftet.

Reininghaus führt weiter aus: „Luise Elias schrieb Gebrauchslyrik und konzentrierte sich über weite Strecken auf den jahreszeitlichen Wandel in Schwerte und Umgebung, ohne den Namen der Stadt auch nur einmal zu nennen.“ Er nimmt dann eine politikgeschichtliche Auswertung ihrer Texte vor und bilanziert: „Zwar thematisiert Luise Elias immer wieder Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter – eingebaut sein konnten darin jedoch Andeutungen zu politischen Zuständen.“

Von Interesse für die Schwerter Frauenbewegung könnten seiner Ansicht nach die Gedichte der Elias ab dem Jahr 1904 sein. In diesem Jahr tagte vom 12. bis zum 19. Juni in Berlin der dritte internationale Frauenkongress, im Rückblick ein Meilenstein in der Gesichte der deutschen Frauenbewegung. Dazu erschien am 11. Juni das Elias-Gedicht „Zum Frauenkongress“.

Heutigen Lesern, meint Reininghaus, würde sich vermutlich nicht erschließen, ob sich Elias mit dem Thema Frauenbewegung ironisch oder ernsthaft beschäftigt habe. Sie nannte, so der Historiker, die Frauenfrage „die größte Frage dieser Zeit“, wähnte die Kongressteilnehmerinnen in „Reform-Gewändern“ auf der Suche nach Gleichberechtigung und kontrastierte den Ehemann, der die „alte Burschenherrlichkeit“ entschwinden sah, mit der Haltung seiner Frau: „O Frauenherrlichkeit, / wie bist Du im Entstehen. / Die Welt wird Wunder sehen.“

Und weiter: Einzelheiten dieser „Frauenherrlichkeit“ waren für sie u.a. die Öffnung des Gymnasiums für Mädchen sowie das Wahlrecht. Sie resümiert (ironisch?) : „Seufzt nicht manch schwacher Ehemann / Jetzt hat die Frau die Hosen an / Was auch der Gatte leistet / gilt nicht ihr Wort das meiste?“ In Gedichtform kommentierte sie ferner den russisch-japanischen Krieg und anderer aktuelle Ereignisse, übt Sprachkritik in Versform. Reininghaus: „Noch heute beeindruckt das breite Spektrum der Themen dieser Zeit“. Bezeichnend für sie sei gewesen, dass sie ihre Lyrik nie für Parteizwecke eingesetzt habe, sondern für die junge Republik.

Er kommt abschließend zu dem Ergebnis, es sei ein gewagtes Unterfangen, diesen Lebenslauf in die Sozialgeschichte der jüdischen Bevölkerung Westfalens einzuordnen. Es gebe kaum Quellen zu Luise Elias. Aber: „Der Wechsel von Rheda nach Schwerte führte in den 1890er Jahren Sally und Luise Elias in eine jüdische Gemeinde, die mit ihren christlichen Nachbarn in guten Beziehungen lebte. Die Aufnahme der Schwerter Juden in die Nachbarschaften, die Schwertes geselliges Leben prägten, spricht für sich. Anzeichen von offenem Antisemitismus fehlten jedenfalls in Schwerte 1914. Die Veröffentlichung der Gedichte von Luise Elias in der Schwerter Zeitung passen in dieses Bild.“
„Wiederentdeckt“ wurden Luise Elias und Sofie Ludwig durch den Arbeitskreis Schwerter Frauengeschichte.