Geschichten aus einer „Kleinen Stadt“
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Text von Reinhold Stirnberg

Die Kleine Stadt liegt irgendwo in Westfalen, in einem weiten Flusstal, umgeben von bergigen Höhen. Sie könnte ebenso in jedem anderen Teil Deutschlands liegen. Vielleicht sähe sie dann ein wenig anders aus, doch der Unterschied wäre nur gering. Selbst die Menschen ähnelten sich. Ihre Sprache klänge wahrscheinlich etwas fremder. Ja, die Mundart ist wohl der wesentlichste Unterschied zwischen den Einwohnern der „Kleinen Stadt“ und den Leuten der vielen anderen kleinen Städte nördlich und südlich des „Weißwurschtäquators“. Da die Mehrzahl der Leute wie auch ich kein „Platt“ mehr spreche, musste ich mein „Geschreibsel“ mehr oder weniger im Kohlenpottslang „verhochdeutschen“!

Unsere kleine Stadt hatte vor Zeiten 271 Häuser, eine Kirche und eine Kapelle, ein Rathaus, ein Armenhaus und 14 Gasthäuser. In ihr leben ungefähr 1000 Menschen, Männlein, Weiblein und „Blagens“; außerdem 198 Ackergäule, 275 Stück Rindvieh, zweibeinige ausgenommen, 180 Schweine, 250 Milchschafe und Ziegen, 150 Enten, sowie rund 1500 „Mistkratzer“, die Gockels miteingerechnet. Dazu kommen noch etwa 100 Köter und eine nicht genau feststellbare Anzahl von streunenden Miezekatzen, welche die Ratten und Mäuse kurzhalten!

Um die kleine Stadt zieht sich eine Mauer, durch die 4 Tore hinein oder hinaus führen, je nachdem von wo man kommt. Die Menschen leben in der kleinen Stadt vorwiegend von Ackerbau und Viehzucht, aber es gibt natürlich auch etliche Kaufleute, Handwerker und Tagelöhner dort. Schließlich ist die kleine Stadt ja eine frühere Hansestadt und darauf ist man sehr stolz.
Nehmen wir einmal die Lupe zur Hand und blicken durch den Spiegel der Zeiten mitten hinein in die kleine Stadt! Sehen wir uns an was die Menschen hier treiben, was sie erleben, oder glauben erlebt zu haben, wie sie lachen und weinen. Lassen wir ihre Märchen und Geschichten lebendig werden.

Einmal in der Woche ist in der kleinen Stadt Markttag. Dann trifft man hier nicht nur die Bürger des Städtchens, sondern auch die Bauern der umliegenden Dörfer. Sie kommen zu dem Markttreiben um ihre Erzeugnisse anzubieten. Mancherlei Dinge erstehen sie an diesem Tag für den eigenen Bedarf, so beim „billigen Köbes“ ein paar Ellen Tuch, ein Dutzend Nägel, ein paar Holzlöffel oder sonstiges. Wenn nach Marktschluss die Geschäfte gut waren, sitzt so manches Bäuerlein im Wirtshaus und genehmigt sich ein paar Bierchen in geselliger Runde, bei ´ner knackigen geräucherten Mettwurst oder eins, zwei, drei Pannekauken bei „Mettwurst Treschen“. Heute war wieder Markttag und die Schänke ist wie immer zum Bersten voll. Da die Westfalen in Gasthäusern nicht besonders leise sind, herrscht hier ein Höllenlärm.

An der Theke stehen die Gäste in Dreierreihen und alle Tische sind besetzt. Durch den dichten Tabakdunst sehen wir den Wirt, den „Dünnen Anton“ bei seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Bierzapfen, während hinten in der Küche sein Ehegesponst, die füllige Marie-Theres, kurz „Mettwurst Treschen“ genannt, in einer großen Eisenpfanne aus Leibeskräften eine schier unermessliche Zahl von „Pannekauken“ in Rüböl brutzelt.

Hinten in der Ecke, am alten Eichentisch, sitzen Doktor „Pillemann“ Knuust, der „Afteiker“ Paul, kurz „Hämorhidenpaule“ genannt (wegen seiner patentierten Salbe für „hinterlistige Zwecke), der Ditz, der Kaal und der „Schluckspecht Hiärm“. Der trägt seinen Spitznamen völlig zu recht, Der braucht nämlich beim Trinken nicht mehr schlucken wie andere Leute, sondern kann sich das Bier direkt innen Hals schütten! Dann klopft er sich dreimal auf die Brust und „röhrt“ ein „Bäuerchen“ in die Gegend das noch im Nachbarhaus die Scheiben wackeln, was immer bei den Leuten ein brüllendes Gelächter auslöst! Für die Fünf ist der Markttag immer ein „Wirtshaustag“. Dass sie sonst nicht auf ein paar Bierchen in die Kneipe gingen, kann man nicht sagen. Doch dieser Tag ist immer etwas besonderes; eine ständige Einrichtung sozusagen. Die fünf Kääls sind unzertrennliche Freunde. Schon in der Elementarschule bei Lehrer „Rohrstock“ haben sie in der Bank nebeneinander gesessen, bevor Knuust und Paule die höhere Schule in „Düörpem“ besucht haben. Doch das hat ihrer Freundschaft aber nicht geschadet. Die Lausbuben von damals sind heute alt und grau geworden, oder haben einen „Sportplatz mit Böschung“ auf´m Kopp. Ihre Lieblingsbeschäftigung ist es „Döhnkes“ zu erzählen!

Ich glaube die Welt der Kleinen Stadt wäre aus den Fugen, wenn die Fünf nicht an diesem Tag am alten Eichentisch sitzen würden. Wenn sie dann ihr Quantum Bier und ein paar Körnchen intus haben und leicht wärm geworden sind, beginnen sie Geschichten zu erzählen. Geschichten die sie erlebt, oder glauben sie erlebt zu haben, oder von denen sie hörten, dass sie irgendwer erlebt hat. Aber auch Märchen, die ihnen als Buben schon die Großmütter erzählten und die älter sind als der Wald! Gerade gibt der Kaal eine Geschichte zum besten:

„Nä, wat ich gestern über unsern Dokter jehört habe is schier unglaublich“! „Über mich?“ fragt der Doktor erstaunt und schlackert mit den Ohren.

„Jo, Dokters! Ich kam grad aus Ännchen Kötters Kramladen, hatte mir für´n Silbergroschen „Grobschnitt“ jekauft und wollt no Hus, als mir vorm „Krummen Knapp“ der olle Franz, dä Knecht vom Lückelühr, übern Weg läuft. Der war mit seiner Sackkarre anne Mühle jewesen um dat Roggenschrot abzuholen, denn Morgen wollt die Bäuerin Schwattbraut backen. Dä Franz wollt sich nun noch’n Bierchen reintun. Jo, dachte ich, dat könnt dir jetzt auch nich schaden und bin mit’m Franz rein zum „Krummen“. Und wie wir so gemütlich ‚n Dortmunder schlabbern, da erzählt mir dä Franz ´n Döhnken:
„Weiße Kaal, ik hab manches schon erlebt, abba gestern, dat is schier unglaublich!“

„Wat war denn Franz?“

„Ik hatte gestern mit dä Schubkarre ´nen Sack mit Äädäppels us dä Äädäppelsmiet geholt, da kommt mir uff´m Heimweg dä Dokters mit seiner geschulterten Flinte entgegen. Morjen Dokter sach ik, morjen Franz sach er.“

„Wo woll´n se denn hin Dokter?“

„Na, Fische fangen, wat sonst Franz?“

Ich guck ihn an wie ´ne Kuh wenn’s blitzt und deute auf seine Flinte, „da ham se abba dat falsche Werkzeug dabei“!

Der Dokter grinst nur und sagt:
„Wenne auch ´n Fisch willst Franz, dann komm mit zur alten Kuhbrücke übern Mühlengraben, da stehn meistens ´n paar fette Forellen.“

„Jetzt bin ich abber neugierig geworden. Will der Dokter seine Angelschnur anne Flinte festmachen? Ich lass Äädäppel, Äädäppels sein und geh mit´m zum „Strang“. Als wir anne Kuhbrücke ankommen da bleibt der Dokter so 20 Schritt vor der Brück steh´n un ick geh op de Brück um mir die Fischkes mal von oben zu bekieken. Tatsächlich, da steh´n sechs fette Forellen nebeneinander inne Strömung um vorbeitreibende Fliegen und sonstige lebende Leckerchen zu verputzen. Un wie ick mir das so bekieke, do nehm ick ausse Augenwinkel wahr, dat dä Dokter seine Flinte anlegt und – Kawumm – mit einem Donnerschlag geht die los un eine Wassersäule spritzt hoch die mich von oben bis unten pitschnass macht! Ick will schon grade loskrakehlen, da brüllt dä Dokter: „Los Franz, rin innet Wasser un hol die Fischkes raus, nass bist du doch schon, mach fix sonst sind se widder fort!“ Ich kiek runner un seh die Fischkes Kieloben und schwanzwedelnd um ihre Fassung ringen. Dä Einschlag vonne Kugeln innet Wasser, von ´ner doppelten Ladung dicker „Rehposten“ und ´ner zweifachen Ladung Schießpulver, hatte sie nur Dösich jemacht. Ick runner vonne Brück, hüpf innent Wasser und schmeiß die Fischkes ans Ufer, wo ihnen dä Dokter mit´m „Totholz“ noch eins über den Dääz gibt!“

„Franz, weil du so schön mitgespielt hast, dann nimm dir drei Forellen, die andern drei sind mir genug! Hömma, hast du nicht Lust morgen mit mir wieder zum fischen zu geh´n? Ich will mir dann ´nen „Hecht schießen“ und für dich fällt auch noch wat ab!“

„Klar Dokter, abba nur wenn se morjen ´nen Kescher mitbringen“!

Als der Kaal geendet hat, da lachen sich Dietz, Hiärm, der Afteiker und die umstehenden Zuhörer fast kaputt.

„is dat wirklich wahr Dokter?“, fragt der Dietz“.

„Na klar Kääls, meint ihr vielleicht ich setz mich stundenlang ans Ufer und verkühl mir den „Pöter“, nur damit ich mit ´ner Angel meine Würmer baden lassen kann, um dann vielleicht nur mit ´nem „Modderlieschen“ nach Hause zu kommen? Näh, Danke Jungs, dat is nix für meinet Vadders Sohn!

„Jo“, gluckst der Hiärm, „ab heute hasse ´nen neuen Spitznamen weg, jetzt heißte nich mehr „Dokter Pillemann“ sondern nur noch „Dr. Kawumm“!

„Ick kenn noch ´ne annere wahre Geschichte“, sacht dä Hiärm, dessen ersten Worte fast im Gejohle der Umstehenden untergehen.

„Na, dann schieß ma los Hiärm“, sagt der Dietz, „abber erst woll´n wir uns noch´n Bierchen und ´n Korn reintun!

Gesagt, getan. Der Hiärm wischt sich den Schaum von den Lippen, gibt noch einmal den „Röhrenden Hirsch“ zum Besten und setzt sich in Positur:

„Dat mag wohl gut 30 Jahre her sein. Da hatten wir mal ´nen ganz lausigen Sommer. Et wor Saukalt und wochenlang war et nur am pläästeren. Dat war so schlimm, dat dä Roggen im Wasser stand und die Äädäppels schier am verfaulen war´n. Alle Bauern schimpften wie die Rohrspatzen op den „Hilligen Pitter“, ach, Verzeihung, ich meine den Heiligen Petrus, weil er et so lange plästern ließ. Ihr kennt ja unsere Bauern: wenn die mal am krakelen sind, dann hören die so schnell nicht mehr auf.

Der Pitter hörte sich das alles an und beschloss in seiner überaus großen Gnade, es für jedes Schimpfwort eine Stunde länger regnen zu lassen, als es in seinem unerforschlichen Plan vorgesehen war! Und wie er die Krakelereien zusammenaddierte, kam er auf eine Regendauer von 99 ½ Tagen und die wollte er den Bauern auch prompt auszahlen! Es plästerte und plästerte. Je mehr et aber regnete, je doller ärgerte das den Hinrich Klutenkämper und er dachte so bei sich: „So, einen Tag hasse noch Zeit um den Kran dichtzumachen, wenn nicht wirste schon sehn watte davon hast! Mit Dir werd ich auch noch ferrich wer´n!“

Draußen auf seinem Acker schichtete Hinrich am nächsten Tag einen riesengroßen Holzstoß auf. Alles Birkenholz, denn das brennt auch nass gut! Darauf packte Hinrich eine ganze Stürzkarre frischen Kuhmist und machte das Feuerken an! Als der Mist brannte, fing es ganz fürchterlich an zu stinken. Dicke schwarze Qualmwolken wälzten sich über den Acker und stiegen auf zum Himmeltor! Der Torwächter St. Michael wollte noch schnell das Tor schließen, doch es war zu spät. Von dem höllischen Gestank überwältigt erlitt er Gleichgewichtsstörungen und stürzte beinahe ab!

Zuerst schnupperte Petrus und schaute vorwurfsvoll den Engel Theophilus an, der gerade mit verklärtem Gesicht vorbei geschwebt kam. Doch der war das nicht gewesen! Schon dachte er, dass das der Exprokurist vom Chef, der jetzige Boss vonne Konkurenz, Luzifer gewesen sein könnte, doch der war das auch nicht. Da entdeckte er unten auf der Erde den Hinrich Klutenkämper bei seiner aromatischen Beschäftigung.
Der Hinrich legte schmunzelnd noch ein Paar frische dampfende Pärdeäppel als Zugabe oben drauf, was das Aroma noch endscheidend verbesserte. Ganz schön wütich ließ der Pitter da einen furchtbaren Platzregen auf Hinrichs Brandopferaltar niedergehen! Doch das nützte ihm nix. Im Gegenteil! Der Qualm und der Gestank wurden nur noch doller, je mehr er es schütten ließ!

Da musste Petrus, op er wollte oder nicht, Frieden machen. Er ließ die Wolken aufreißen und die Sonne konnte mit ihren warmen Strahlen wieder den Boden trocknen. Unbestätigten Berichten zu folge sollen die Himmlischen Heerscharen noch drei Tage lang unter Übelkeit und Kopfschmerzen gelitten haben! Und immer dann wenn es später mal ausgiebig plästerte, brauchte Hinrich nur zu sagen: „Wenn Du et noch´n bischen länger plästern lässt, dann verbrenn ich widder Mist!“ und schon hörte et auf zu regnen“, Äärlich!

Jetzt ergreift „Hämorhorridenpaule“ das Wort: „He Treschen bring uns mal ne Platte mit Pannekauken rüöwer, wir han Kohldampf“! – „Nä, nä!“, ruft sie aus der Küche zurück, „Die sind ausgegangen!“. „Ja, wohin denn?“ fragt der Afteiker und alle Lachen. „Na, neue Kartoffeln holen, du „Dämlack“, ich han nämlich keine mehr, um Pannkauken zu backen. Also, dat wird jedenfalls heute nix mehr mit eure „Reibekuchen“! Alle guckten sich belämmert an: „Wat hasse denn noch da?“ fragt der Kaal: „Nur noch wie immer kalte Mettwürste, die könnt ihr dann mit ´ner Schnitte trocken Brot und ´ner sauren Gurke aussem Faß verputzen! Und als Zugabe gibt´s noch´n Solei“ „Damit es aber beim Verdauen nich so staubt“, sagt Treschens Göttergatte, „will ich eure Quasselstrippen feucht halten“ und füllt die Krüge von neuem mit köstlichem Gerstensaft. „Na, dann bring uns Fünfen mal ´ne Mettwurst rüber und noch´n Korn zum runterspülen. Ich zahl allet!“, tönt der Afteiker.

„Wat dann, eine Wurst für alle“, fragt Treschen?

„Min Gott bist´e ramdösig jeworden“?, faucht Apothekenpaule zurück, „Natürlich für jeden eine!“, und Treschen grinste zufrieden von einem Ohr zum anderen!