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Friedrich Tütel – der Armenarzt von Schwerte
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Text von Alfred Hintz

Der Besuch eines Armenarztes war für mittellose Kranke vor der Einführung der Sozialgesetze durch Bismarck meist die einzige Möglichkeit, sich medizinisch behandeln zu lassen. Ein Armenarzt war in der Regel ein niedergelassener Allgemeinmediziner, der aus der Gemeindekasse honoriert wurde.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war Sanitätsrat Dr. Friedrich Leopold Tütel Armenarzt von Schwerte. Tütel hat sich über seine Arztpraxis hinaus sowohl als Initiator der Errichtung des ev. Krankenhauses als auch der Gründung der DRK-Ortsgruppe um Schwerte besonders verdient gemacht hat.
Der tolerante, sozial engagierte und politisch vorausdenkende Mediziner, der in der Revolution 1848 als 18jähriger Schüler auf den Barrikaden stand, hatte durch Lebenserfahrung und ärztliche Praxis ein großes Herz für „kleine Leute“. So heißt es in einem Schreiben der ev. Pfarrer Schütte, Pickert und Niepmann vom Mai 1868 an die Stadtverwaltung mit indirektem Bezug auf den Antrag Tütels zum Bau eines Krankenhauses (Festschrift 125 Jahre ev. Krankenhaus, StA Schwerte): „Erklärter Zweck der Errichtung eines Krankenhauses sollte die Pflege hilfebedürftiger Kranker ohne Unterschied des Bekenntnisses sein“. Und an anderer Stelle: „Billige Pflegesätze sind unbedingt erforderlich, wenn die weniger Bemittelten und Armen als diejenigen, für die das Krankennhaus eigentlich erbaut werden soll, den Segen desselben genießen sollen.“

Zwar wurde Tütels Antrag vom 4. März 1867 an die Schwerter Stadtverordnetenversammlung abgelehnt. Denn bei der Stadt war man der Meinung, ein derartiger Bau sei nicht Aufgabe der Stadt, sondern in erster Linie des kirchlichen Umfelds. Dort war man allerdings von der Notwendigkeit eines Krankenhauses überzeugt und durch „den jüngst eingetretenen Umschwung der örtlichen Verhältnisse namentlich“, also besonders, angetrieben. Die etwa zum gleichen Zeitpunkt in Schwerte grassierende Cholera wird in diesem Zusammenhang in dem Brief eher nachrangig behandelt.
Mit den „ jüngst eingetretenen Umschwung der örtlichen Verhältnisse“ als Begründung für einen Krankenhausbau meinten Tütel und die ev. Pfarrer ganz offensichtlich das rasante Bevölkerungswachstum der Stadt durch die Ansiedlung von Industriebtrieben aufgrund des Anschlusses der Ruhrstadt an die Eisenbahn. Dazu schreibt Prof. Dr. Wilfried Reininghaus: „Die Eisenbahn veränderte die gewerblichen Strukturen im mittleren Ruhrtal, denn der Verlauf der Eisenbahnlinien begünstigte den Standort Schwerte… Die Fabriken am Schwerter Bahnhof zogen Menschen von nah und fern an, formten eine industrielle Mittelstadt und deren Umgebung“ (Reininghaus, Schwerte 1397 – 1997).
Schon ein Jahr nach der Antragstellung durch den Sanitätsrat konnte die Ortsgeistlichkeit der Stadtverwaltung weiter mitteilen, die finanziellen Mittel zur Errichtung eines Krankenhauses stünden durch „freiwillige Gaben“ vollständig zur Verfügung. Und im August 1870 konnten die ersten Patienten aus den gemieteten Räumlichkeiten, die bisher als Provisorium zur Unterbringung der Kranken gedient hatten, in den Neubau verlegt werden. Das Grundstück für den Krankenhausbau mit einer Größe von rund 14 preußischen Morgen machte Freiherr Ludwig von Elverfeldt (Haus Villigst) der ev. Kirchengemeinde zum Geschenk.

Nach dem preuß.-österreichischen Krieg 1866 hatten heimkehrende Soldaten die während des Feldzugs ausgebrochene Cholera auch nach Schwerte eingeschleppt. Daran erkrankten 1867 in der Ruhrstadt 110 Menschen, 62 starben. Obgleich das geplante ev. Krankenhaus für die medizinische Behandlung von Patienten „ohne Unterschied des Bekenntnisses“ vorgesehen war, nahmen einige engagierte kath. Gemeindemitglieder diesen letzten Cholera-Ausbruch in Schwerte zum Anlass, sich um mit der Bitte um Unterstützung und Hilfe an den Orden der Franziskanerinnen in Salzkotten zu wenden.
Die Ordensschwestern kamen, halfen und gründeten 1869 zur stationären Behandlung der Kranken eine Niederlassung in einem Wohnhaus an der Hagener Straße, zogen später in die Schützenstraße und dann an den Nordwall um. Der Vorläuferbau des heutigen Krankenhauses an der Goethestraße entstand 1881. Er wurde mehrfach erweitert.
Die Entscheidung für ein eigenes katholisches Krankenhaus ist mit großer Wahrscheinlichkeit auf die konfessionelle Konfliktsituation zurückzuführen, die das Alltagsleben im damaligen Deutschland zumindest in ländlich und kleinstädtisch strukturierten Gesellschaften bis weit ins 19. Jahrhundert und darüber hinaus beherrschte.
Zu diesen interkonfessionellen Konflikten schreibt der renommierte Historiker Thomas Nipperdey u.a.: „Der Konfessionsgegensatz (war) ungleich wichtiger als jener doch auch fundamentale Gegensatz zwischen Christen und Nichtchristen…Er bestimmte das Leben und den Stil, vom Schulbesuch übers Heiraten und die Tragödien, wenn eine Liebe an den Konfessionsverschiedenheiten auflief, bis zu den geselligen Kreisen…die Konfessionsspaltung und -spannung war eine der fundamentalsten alltäglichen und vitalen Grundtatsachen des deutschen Lebens.“ (Nipperdey, Deutsche Geschichte 1866 – 1918, Bd. 1, S. 529).

Als die „Vaterlandsverteidiger aus Schwerte im Jahre 71 nach glücklich beendetem Krieg wieder in ihre Vaterstadt zurückkehrten…waren sie „vom Glanz des neuen Kaiserreichs“ umstrahlt (Rückblick 60 Jahre Vaterländischer Frauenverein 1938, StA Schwerte). Ehemalige Soldaten traten in Scharen in die rasch wachsenden Veteranenverbände und Militärvereine ein. Im Gegensatz zum legendären Standesdünkel der adeligen preußischen Offizierskaste waren „die Moralvorstellungen vieler Veteranenverbände plebejisch und egalitär. (…)Von unten betrachtet, war das Entscheidende am Militär nicht die Ehrerbietung zwischen den Rängen, sondern die Gleichheit unter den Männern, die gemeinsam Dienst taten.“ (Chr. Clark, Preußen, Aufstieg und Niedergang).
In Schwerte wurde ein derartiger Verband, der Kriegerverein, am Sedantag 1875 gegründet. In ihm wurde, merkt der Vaterländische Frauenverein an, „echte Kameradschaft“ gepflegt. Präses des Vereins war Friedrich Tütel. „Bald ging ein Sanitätskorps aus den Reihen der Kriegskameraden hervor, das – von einem Arzt tüchtig ausgebildet – bereit war, sich bei allen Unfällen einzusetzen und auch im Kriege seinen Mann zu stehen“ (Rückblick Vaterl. Frauenverein). „Begründer der freiwilligen Sanitätskolonne Schwerte“ war nach einer Bildzeile eines Tütel-Fotos des Stadtarchivs der Sanitätsrat.

Die Frauen wollten sich „ebenso wie ihre Männer, doch auf ihre Art, für das Vaterland betätigen“ und gründeten 1878 den „Vaterländischen Frauenverein vom Roten Kreuz“. Mit dieser Angabe bestätigt auch der Frauenverein Tütel indirekt als Initiator des DRK Schwerte.
Zunächst gemeinsam mit seinem Kollegen Dr. Crone, später allein, kümmerte sich Tütel ab 1867 um die großen und kleineren Leiden seiner zahlreichen mittellosen Patienten insbesondere im ländlichen Bereich der Ruhrstadt. (StA Schwerte, Akte 3553, transcribiert von H. Städtler). Neben diesem „full-time-job“ war er aktiv in den Schwerter Nachbarschichten (Verfasser des Nachbarschaftsliedes), hatte über den Arbeiterführer C.W. Tölcke, zeitweilig Präsident des von Lasalle gegründeten Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) intensive Verbindungen zur sich formierenden Arbeiterbewegung und war Mitglied im Komitee zur Errichtung des Hohensyburg-Denkmals zu Ehren von Kaiser-Wilhelm (I), dem „Einiger der deutschen Stämme“.
Seine Tochter Agnes, Schulvorsteherin der Höheren Töchterschule (Lyceum), Vorläuferin des Ruhrtal-Gymnasiums, fasst für die Festschrift des Kriegervereins zum 50jährigen Bestehen (StA Schwerte) die Biografie ihres Vaters zusammen: Tütel wurde 5. Dezember 1830 als Sohn eines Kreistierarztes in Attendorn geboren. Er besuchte zunächst das Attendorner Gymnasium, dann das Fr.-W.-Gymnasium in Köln. Mit elf Jahren wurde er Waise. In Köln engagierte er sich in der Freiheitsbewegung, und kämpfte „mit seiner Laute und einem alten Gewehr auf den Barrikaden“ der Revolution 1848 gegen Fürstenthrone, für Reichseinheit und Demokratie. Wie viele seiner Mitschüler wurde er von der Schule relegiert und trat wegen völliger finanzieller Mittellosigkeit ins Heer ein. In seiner Freizeit studierte er eifrig und unterrichtete die Söhne eines Gerichtspräsidenten. 1850 wurde er vom Heer beurlaubt, wanderte von Köln nach Münster und machte dort sein Abitur.
In Bonn, wo er Assistent des berühmten Naturwissenschaftlers Helmholtz („Reichskanzler der Physik“) wurde, sowie in Greifswald studierte er Medizin, machte Staatsexamen, wurde zum Dr. med. promoviert und ließ sich mit beginnender Industrialisierung im Herzen des Ruhrgebiets, im Schatten rauchender Schlote und stählerner Fördertürme, als praktischer Arzt in Castrop nieder. 1864 zog er nach Schwerte, 1897 wurde er mit dem preußischen Titel „Sanitätsrat“ ausgezeichnet.

Am 17. Januar 1908 wurde Friedrich Tütel im Alter von 78 Jahren „zur großen Armee“ abberufen. Der Kriegerverein gab ihm mit „wehender Fahne und klingendem Spiel das letzte Geleit.“