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Ein Anfang von etwas
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Text von Wolfgang Prietsch

Es lag noch Schnee, als sie ihn zum ersten Mal sah. Sie kam aus dem Fahrstuhl, um beim Empfang im Erdgeschoss einen Brief abzugeben. Da betrat er mit einer jungen Frau die Eingangshalle. Draußen sah sie noch das Taxi, mit dem die beiden gekommen waren.

Die junge Frau zog einen großen Koffer hinter sich her, die beiden hielten sich an der Hand, gingen direkt auf den Empfangsbereich zu und sprachen mit der dortigen Mitarbeiterin.
Ein Neuankömmling, dachte sie.

Als sie selbst vor etwa einem halben Jahr dieses schöne Haus zum zweiten Mal betrat (das erste Mal diente der Vorbesichtigung), war sie selbst der Neuankömmling im gerade erst eröffneten Senioren-Pflegeheim. Sie hatte sich schnell eingelebt, fand gleich Kontakt zu den Pflegerinnen und Therapeuten. Und besser und schöner kann man es sich unter den gegebenen Lebensumständen in den liebevoll eingerichteten Räumen wirklich nicht vorstellen, das war ihre Überzeugung.

Der Neuankömmling war ein älterer Herr, weißhaarig, sehr schlank, er dürfte etwa um die achtzig Jahre alt sein. Sie beobachtete die beiden von der Lese-Ecke links vom Eingang her, die junge Frau war besorgt um den älteren Herrn. Bald gingen beide sichtlich vorsichtig und langsam gemeinsam mit einer Mitarbeiterin des Hauses zum Fahrstuhl und verschwanden darin.

Unsere Beobachterin, ihr Vorname ist Beate, dachte über die beiden nach. Das war wohl die Tochter, dachte sie. Ob er wohl bleibt?
Beate war stark gehbehindert, aber mit einem Rollator konnte sie sich doch zunehmend mehr und mehr ihre neue Lebensumwelt im und um das Seniorenheim erobern.
Seit dem Tod ihres Mannes vor zwei Jahren ging es ihr hinsichtlich Beweglichkeit schlechter und schlechter, von einem eigenständigen Leben in der bisherigen Weise, in der alten Wohnung, konnte keine Rede mehr sein.

Ihr Sohn lebte seit seinem Studium weit entfernt in München. So hatte sie sich für eine grundlegende Änderung ihrer bisherigen Lebensweise entschieden und war in die nahe ihrer bisherigen Wohnumwelt gelegene Seniorenresidenz gezogen. Und sie hatte es nicht bereut. Alles, was ihr bisher wegen ihrer Behinderung Probleme bereitete, war nun geregelt. Sie fühlte sich nicht abgeschoben, fand liebevolle Menschen um sich, die ihr über ihre körperlichen Einbußen hinweghalfen. Eigentlich kann ich doch zufrieden sein, dachte sie.

Am nächsten Morgen sah sie den Neuankömmling im Frühstücksraum sitzen, er war schon vor ihr da. Ein Frühaufsteher wie ich, dachte sie.
Auch an den nächsten Tagen sah sie ihn an den verschiedenen Orten im Heim immer wieder.

Seltsam, dachte sie, jetzt suche ich ihn schon mit meinen Blicken, wenn ich einen Raum betrete.

An einem Nachmittag saß er ihr bei einer Gedichtlesung gegenüber.

Ist gar nicht selbstverständlich, dass sich ein Mann für Lyrik interessiert, fand sie. Vielleicht hat er einen literarischen Beruf?

Nach der Lesung wollte sie mit dem Rollator einen kurzen Spaziergang in den Garten unternehmen, es gab eine Rampe, über die man mit Hilfe gut ins Grüne fahren konnte.
An der Tür zum Garten stand er, wollte wohl selbst ins Freie.

Er hielt ihr die Tür auf, obwohl das durch die vorhandene Automatik eigentlich nicht notwendig war. Er lächelte sie an und wies ihr mit einer Handbewegung symbolisch den Weg in den Garten. Sehr langsam und vorsichtig folgte er ihr.

Da sprach sie ihn an. An seiner freundlichen Reaktion war deutlich erkennbar, dass er auch schon auf sie aufmerksam geworden war. Nach einem ersten Gespräch an diesem Nachmittag trafen sie sich regelmäßig, nach dem Frühstück, nach Gruppen-therapeutischen Zusammenkünften mit der Ergo-Therapeutin, besonders aber an den Nachmittagen.

Sie saßen auf einer Bank im Garten oder – bei schlechtem Wetter – im Lesesaal. Er konnte im Gegensatz zu ihr noch gut laufen, brauchte keine mechanischen Hilfen. Über sich selbst erzählte er wenig, nur, dass er Witwer ist. Die junge Frau, mit der er gekommen war, ist seine Tochter, sie arbeitet als Bibliothekarin in der Sächsischen Landesbibliothek in Dresden.

An einem Nachmittag begann er zu erzählen. Er berichtete von einer auch ihr gut bekannten Landschaft im Norden der Mark Brandenburg, dem sagenumwobenen Stechlinsee. Und wie er die Landschaft beschrieb! Jedes Detail wurde in leuchtenden oder auch dunklen Farben ausgemalt. Sie hörte fasziniert zu.

Die Bäume am Ufer, die Kiesel im Wasser, die Spiegelung des Lichtes auf dem See, die gekräuselten Wellen: Alles wurde wieder gegenwärtig, was sie mit ihrem Mann und ihrem Sohn vor Jahren selbst erlebt hatte, an den Wochenenden, die sie nach ihrer anstrengenden Arbeit als Krankenschwester so sehr zur Entspannung brauchte.

An einem der nächsten Tage – sie saßen am Frühnachmittag allein im Lesezimmer, draußen goss es wie aus Kannen – erzählte er von einer Flusslandschaft. Sie konnte den Fluss Mulde in seinem breiten Bett direkt sehen an so einem Frühlingstag, es war eine Hochwasser-Situation.

Die Zeit floss immer schnell dahin bei seinen Erzählungen, und sie war glücklich und in Erwartung der nächsten Zusammenkunft.

Sie reisten in Gedanken durch seine bildhaften Schilderungen an die Müritz, nach Rügen an die Ostseeküste, besuchten die alte Klassikerstadt Weimar, wanderten im Südharz und erlebten in Gedanken noch einmal Sommerabende an Spree und Havel.

Eines Nachmittags – es war schon im Spätherbst, und er hatte über das Erlebnis eines ganz besonderen Sonnenunterganges berichtet – gab er ihr ein A 4 -Kuvert und bat sie, dieses erst am nächsten Morgen nach dem Frühstück zu öffnen. Am nächsten Morgen erschien er nicht zum Frühstück. Sie wunderte sich und war sehr besorgt. Bevor ich meine Pflegerin nach ihm frage, will ich doch erst das Kuvert öffnen, beschloss sie.

In dem Kuvert befand sich eine wunderbar grazile Federzeichnung, die das im englischen Tudor-Stil erbaute Schloss Babelsberg zeigte. Bei näherer Betrachtung fand sie unten auf der Zeichnung die sehr kleine Signatur des Bildes: Hermann…. Jetzt wurde alles klar: Er war Maler. Und in allen seinen Erzählungen hatte er ihr seine eigenen Bilder beschrieben.

Von der Therapeutin erfuhr sie (er hatte diese vorahnend dazu ermächtigt), was sie im Stillen manchmal schon geahnt hatte, er bewegte sich doch immer sehr langsam und vorsichtig, geradezu tastend, wenn er das auch sorglich zu verheimlichen suchte: Er war sehr stark sehbehindert. Nie hatte er aber mit ihr darüber gesprochen, wollte wohl kein Mitleid.

Weiter erfuhr sie, dass er heute früh zu einer Laser- Operation in eine Klinik gebracht worden war. Er hatte sich kurzfristig dazu entschlossen, obwohl er eigentlich keinen weiteren Eingriff an sich wünschte, er keinen Sinn darin mehr sah, und auch, weil er die Hoffnung auf Besserung aufgegeben hatte. Nun, da er sie kennen gelernt hatte, war neue Lebenszuversicht und neue Hoffnung gewachsen.

Sie dachte intensiv an ihn: Wie schön wäre es, wenn er nach der OP mit verbessertem Sehvermögen zurück käme. Aber auch dann, wenn sich nichts verbessern würde: Hauptsache, er kommt zurück!

Er fehlt mir schon, stellte sie lächelnd fest, und ich warte auf ihn.