Die Stadt des langen Lebens gestalten – Erfahrungen aus Arnsberg
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Text von Martin Polenz

Die Bevölkerung in Deutschland und mit ihr die Städte und Gemeinden stehen in einer historisch einmaligen Entwicklung: Nie zuvor lebten so viele Menschen in hohem Alter wie heute, und in Zukunft wird diese Zahl noch deutlich zunehmen.

Es entwickelt sich damit eine Gesellschaft des langen Lebens, und in ihr entstehen Städte des langen Lebens. An diese werden neue Anforderungen gestellt. Um ihnen gerecht werden zu können, müssen sich die Städte verändern.
Die „fernere Lebenserwartung“ macht die Dimension der Alterung deutlich. Mit ihr wird angegeben, welche statistische Lebenserwartung eine Person im Alter von 60 Jahren hat. Vor hundert Jahren lag dieser Wert bei etwa 13,5 Jahren, inzwischen wird er mit 23,5 Jahren angegeben – Tendenz steigend. Das Alter ist eine Lebensphase, die sich über mehrere Jahrzehnte erstreckt.
Die intensive wissenschaftliche Beschäftigung mit der wachsenden Gruppe der Älteren hat gezeigt: Alter bedeutet Vielfalt. „Die Alten“ als homogene Gruppe gibt es nicht. Es existiert ein Reichtum unterschiedlicher Lebensentwürfe und Lebensstile, Interessen und Fähigkeiten. Eine moderne kommunale Seniorenpolitik spiegelt das wider: Sie zeichnet sich aus durch ein ausdifferenziertes Angebot für ältere Menschen.
Dazu gehören Unterstützungs- und Versorgungsangebote ebenso wie Rahmenbedingungen für die Übernahme von (Mit-)Verantwortung vor Ort. Eine so ausgerichtete Seniorenpolitik zielt insbesondere darauf ab, die Erfahrungen und die im Laufe eines Lebens erworbenen Kompetenzen älterer Menschen zur Entfaltung zu bringen.
Während einige Faktoren, die das Leben und die Lebensqualität im Alter beeinflussen, auf übergeordneten Ebenen verortet sind (etwa die Sozialversicherung), entscheidet sich auf der lokalen Ebene, welche Infrastruktur und welche sozialen Netzwerke am Wohnort vorhanden sind.

Der Siebte Altenbericht (2016) der Bundesregierung mit dem Titel „Sorge und Mitverantwortung in der Kommune“ unterstreicht die Gestaltungsmöglichkeiten der Kommunen bei der Entwicklung von attraktiven Rahmenbedingungen für das Leben im Alter. Den Kommunen fällt die Aufgabe zu, die demografischen Veränderungsprozesse vor Ort kreativ zu begleiten und mitzugestalten. Arnsberg stellt sich dieser Herausforderung bereits seit vielen Jahren und wurde mehrfach für diese Anstrengungen ausgezeichnet.

Der Arnsberger Ansatz
Drei Leitgedanken sind maßgeblich:
Leitbild Bürgerkommune: Den Herausforderungen des demografischen Wandels kann – ebenso wie anderen gesellschaftliche Herausforderungen unserer Zeit – nicht durch staatliches Handeln allein begegnet werden. Neue Formen partizipativen Engagements müssen entwickelt und eingeübt werden, um das Kräfteverhältnis zwischen Bürgerschaft, Kommunalpolitik und Verwaltung neu zu justieren. Durch neue Partizipationsformen werden Bürgerbeteiligung und Selbstorganisation gestärkt, höhere Zufriedenheit mit Planungsprozessen erreicht und bessere Ergebnisse politischen Handelns wahrscheinlicher.
Potenzialentfaltung: Ältere Menschen verfügen über einen Schatz an Ressourcen, den sie ein Leben lang angehäuft haben. Lebenserfahrung, berufliche und private Expertise, soziale Kompetenzen und Wissen über die Begebenheiten vor Ort sind hier nur einige Aspekte. Dieses Potenzial zur Entfaltung zu bringen ist eine Kernaufgabe nachhaltiger sozialer Stadtentwicklung. Die Strategie der Potenzialentfaltung geht von einer hohen Eigenmotivation bei der Verfolgung eigener Ziele aus. Dementsprechend gilt es, Bürger:innen dabei zu unterstützen, sich für ihre eigenen Ziele einzusetzen.
Kooperation und Ko-Produktion: Es ist immer weniger möglich, den komplexen Herausforderungen des demografischen Wandels durch Maßnahmen einzelner Akteure zu begegnen. Vielmehr sind themenbezogene Netzwerke gefragt, die die unterschiedlichen Fähigkeiten der einzelnen Organisationen sinnvoll in Beziehung setzen und so Synergien erreichen. In der Ko-Produktion von Gemeinwohl treffen die unterschiedlichen Partner:innen aus Gesundheitswesen, Wohlfahrt, Bürgerschaftlichem Engagement, Wirtschaft, Verwaltung und Politik Vereinbarungen zu aufeinander abgestimmtem Handeln und einem effizienten Ressourceneinsatz.

Strukturen für Gestaltung
Um diesen Ansatz dauerhaft und nachhaltig zu verfolgen, hat die Stadt Arnsberg mit der Fachstelle Zukunft Alter eine Koordinationsstelle geschaffen. Sie entwickelt Themen und Initiativen, unterstützt bürgerschaftliche Projekte, agiert als Projektträger, bringt unterschiedliche Akteure aus Stadt und Region zusammen, arbeitet eng mit dem Arnsberger Seniorenbeirat zusammen, organisiert Fachtage und Weiterbildungen und übernimmt die Geschäftsführung für thematische Netzwerke.

In Zusammenarbeit mit vielen Partnerorganisationen und Initiativen sind unter anderem entstanden. Ob Wohnprojekte für Ältere mit sozialem Charakter, die Arnsberger Lern-Werkstadt Demenz, in der sich viele Organisationen für ein besseres Leben mit Demenz engagieren, das Mehrgenerationenhaus mit Angeboten wie der „Brutzelküche“ gegen die Einsamkeit oder das GenerationenMagazin SICHT – diese und viele weitere Beispiele sind Mosaiksteinchen, die zusammen das Bild einer Stadt ergeben, die sich weiterentwickelt hin zu einer Stadt des langen Lebens.

Weitere Informationen und zahlreiche Praxisbeispiele gibt es unter www.arnsberg.de/zukunft-alter