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Das Bild vom edlen Indianer – eine literarische Spurensuche
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Text von Dr. Ingo Fiedler

Drei Episoden

Ein achtjähriger Junge bückt sich und hebt eine Feder, die eine Taube verloren hat, auf. Von guten Bekannten hat er schon eine Reihe Gänsefedern erhalten. Papa wird ein Stirnband nähen, in das er die Federn stecken kann. Die „Indianerhaube“ braucht er für einen Kindergeburtstag, zu dem „Cowboys“ und „Indianer“ eingeladen sind. Die Mutter eines Freundes hat sich die Themenparty ausgedacht, nicht weil die Jungen und Mädchen so indianerbegeistert sind, sondern weil das Thema „Indianer“ bei den Kindern gar nicht mehr vorkommt, weil sie derzeit von Piraten, Monstern und Comic-Figuren verdrängt sind. Sie hat an ihre Kinderzeit gedacht, in der Karl-May-Filme und Indianer-Bücher und -Comics ganz selbstverständlich waren. Sie denkt daran, dass sich ihr damit Gefühle, Lebenswelten und auch eine Ethik des Handelns vermittelt haben.

Das Haar des Siebzigjährigen ist längst ergraut, da findet er auf einem Hofflohmarkt eine Sam-Hawkins-Figur des Herstellers „Elastolin“, die hatte er so ganz anders in Erinnerung. Er zahlt gern den verlangten Euro und nimmt das gute Stück mit nach Hause. Alles Mögliche findet sich im lange bewohnten Einfamilienhaus auf dem Speicher, auch der „Lurchi-Schuhkarton“ aus Kindertagen, und richtig, schon hält er seinen Sam Hawkins in der Hand: Der gleiche Hersteller, aber nur auf den ersten Blick die gleiche Figur, der neue Sam hat vollere Wangen, eine kräftigere Figur, der rechte Arm ist breiter abgewinkelt, sein Mantel ist kürzer und sein Gewehr, die „Liddy“, sieht generalüberholt aus. Eine bunte Bemalung und eine frische Gesichtsfarbe hat das Braun-in-Braun der älteren Figur abgelöst. Haben die Karl-May-Filme den ästhetischen Geschmack des Herstellers und der Käufer verändert? Noch immer beschäftigen den alten Mann die Figuren und Indianergeschichten seiner Jugend.

Gern geht die rüstige Seniorin, seit den Studienjahren Mitglied der Karl-May-Gesellschaft, über Antiquitäten- und Trödelmärkte. Sonnabends in aller Frühe ist sie an der Uni unterwegs, diesmal erregt ein Tisch ihre Aufmerksamkeit, auf dem qualitätvolle Stücke aus neuerer Produktion nordamerikanischer Indianer und deutschsprachige Indianer-Literatur ausgestellt sind. Fasziniert betrachtet sie die Auslage; angesprochen, sieht sie auch den Verkäufer an, er ist ein leibhaftiger Ureinwohner Nordamerikas. Lange schon lebt und arbeitet er in Deutschland, ohne je die Verbindung zu seinem Volk in der Heimat verloren zu haben. Sie reden lange miteinander, und sie erfährt, dass er in mehreren Ländern Europas gelebt hat, bevor er sich in Deutschland niederließ. Nur hier, so betont er, sei die Wertschätzung für sein Volk so hoch, und er fühle sich sehr wohl. Es versteht sich fast von selbst, dass ein Stück moderner Indianistik den Besitzer wechselt.

Karl May als Bindeglied

Ein Name verbindet unsere Episoden: Karl May. Sein Held Winnetou, anfangs im Buchtitel als „roter Gentleman“ bezeichnet, ist eine vollkommene Idealisierung des „edlen Wilden“, des von der Zivilisation unverdorbenen Naturmenschen. Der Typus war mit dem Epos „La Araucana“, erschienen in drei Teilen von 1569 bis 1589, von Alonso de Ercilla y Zúniga (1533-1594) eingeführt worden. Ercilla hatte zuvor an der Bekämpfung der Araukaner in Chile teilgenommen und einen neuen Blick auf die unbeugsam sich einer Übermacht Erwehrenden geworfen. So unterschiedliche Charaktere wie der wandelbare englische Dichter John Dryden (1631-1700) mit seinem Theaterstück „Die Eroberung von Granada“ (1670/72) und der schwärmerische, sendungsbewusste französisch-schweizerische Schriftsteller Jean-Jaques Rousseau (1712-1778) in seinem „Discourse sur l´inégalité“ (1755) postulierten später ebenfalls den unverbildeten naturhaften Zustand des Menschen. Rousseau wurde zum Verfechter der These von der ursprünglichen Güte des Menschen, der durch Bildung und Zivilisation verdorben würde. In der Romantik fand der „edle Wilde“ dann weitere Verklärungen. Mays Winnetou, der „Häuptling der Apachen“, ist der idealisierte ,Typus´ der roten Nation, und ganz so, wie sie untergeht, ist auch er untergegangen. Sein Leben wird vom Autor als Selbsthingabe und sein Tod – der ,Heiligenvita´ entsprechend – als Opfertod interpretiert.“ 1) Karl Mays Winnetou-Romane als Kernstück, seine Orientzyklen und weitere literarische Arbeiten führten zu einem immensen Erfolg: „Karl May war der meistgelesene Schriftsteller seiner Zeit und sollte es weit über seinen Tod hinaus auch im ganzen 20. Jahrhundert bleiben.“ 2) Noch in der Gegenwart ist er der weltweit erfolgreichste deutsche Schriftsteller.

Es ist kein Wunder, dass die deutsche Sicht auf die Indianer auch in deren Heimat Beachtung findet: „Das starke Interesse der Deutschen an der Kultur der Indianer Nordamerikas hat mich immer fasziniert. Seinen Ursprung hatte es wahrscheinlich im späten 19. Jahrhundert, als der Schriftsteller Karl May mit seinem ,Winnetou´ die Figur eines idealisierten Indianers schuf. 1889 machte Buffalo Bill´s West Show eine erfolgreiche Reise durch Europa und führte dem deutschen Publikum zum ersten Mal ein lebendiges Bild einer exotischen nordamerikanischen Welt vor Augen… In vieler Hinsicht legten die Darstellungen in den Büchern Karl Mays und in Buffalo Bill´s Wild West Show die Grundlage für das idealisierte Bild, das die Deutschen von den Indianervölkern Nordamerikas haben. Ich war einmal während des Faschings oder der Fastnacht in Deutschland und war verblüfft über die vielen aufwändigen Indianerkostüme, die auf den Straßen zu sehen waren. Für mich zeigt sich darin, wie fest kulturelle Archetypen aus der Welt der Indianer in der deutschen Gesellschaft verankert sind. Ein weiterer faszinierender Aspekt des Interesses der Deutschen an den Indianern Nordamerikas sind die Indianervereine, deren Mitglieder auf der Suche nach dem Kern dessen sind, was es bedeutete, zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Geschichte, der oft dem Kontakt mit der kolonialen Welt voranging oder an der Schwelle zu dieser Begegnung stand, als Angehöriger eines indigenen Volkes zu leben.“ 3)

Karl May hatte viel gelesen: James Fenimore Cooper (1789-1851) brachte im Lederstrumpf und in anderen Indianer- und Trappergeschichten den Mut und die edle Haltung zum Ausdruck, die über die Verderbtheit der Zivilisation triumphieren. Balduin von Möllhausen (1825-1905) unternahm nach 1848 ausgedehnte Reisen durch Nordamerika. Alexander von Humboldt vermittelte ihm 1854 die Stelle eines Kustos an den königlichen Bibliotheken zu Potsdam. Der größte Teil seiner in 178 Bänden erschienenen Romane und Novellen spielen in Amerika, darunter „Das Mormonenmädchen“, „Der Halbindianer“ und „Die Mandanenwaise“. Friedrich Gerstäcker (1816-1872) konnte auf noch weitere eigene Anschauung zurückgreifen. Von 1837 bis 1843 hatte er etliche Abenteuer in Amerika erlebt, machte Weltreisen und kleinere Expeditionen. „Die Regulatoren des Arkansas“ und „Die Flusspiraten des Mississippi“ zählen zu seinen bekanntesten Werken. Man attestierte ihm eine scharfe Beobachtungsgabe, nannte seine ethnographischen Studien zuverlässig und schätzte seine historischen Abhandlungen. Maximilian Prinz zu Wied (1782-1867) hatte schon 1838/41 seine „Reise in das innere Nordamerika“ in zwei – mit eindrucksvollen Vignetten ausgestatteten – Bänden dokumentiert. In den Jahren 1832-34 hatte er das Mississippi-Missouri-Gebiet bereist und die Lebensweise der Indianerstämme der Botokuden und Mandan erforscht und dokumentiert. Als Karl May seine Old-Firehand-Geschichte 1875 in einem Buch „Im fernen Westen“ herausbringen konnte, wurden in dem Band auch die „Sagen und Legenden vom Mississippi“ des Friedrich Carl von Wickede (1827-1881) gedruckt, der mehrfach in Nordamerika war und auch als Farmer und Jäger in Iowa gelebt hatte.

Über all die Anschauungen und Erfahrungen der anderen Autoren verfügte May nicht, er musste auf das 1861 in Berlin erschienene Werk „Der Erdball und seine Naturwunder“ von W. F. A. Zimmermann, der eigentlich Carl Gottfried Wilhelm Vollmer hieß, und auf zahlreiche andere Nachschlagewerke zurückgreifen, um mangelnde Erfahrung zu kompensieren, aber Karl May hatte ein hervorragendes Erzähltalent. Humor und Spannung flossen ihm schnell, mit wenigen Korrekturen aus der Feder. 1879 bearbeitete Karl May den Roman „Der Waldläufer“ des französischen Autors (Eugène Louis) Gabriel Ferry (de Bellemare) (1809-1852) recht frei für jugendliche Leser, und dann folgten, allmählich in der Charakteristik immer sicherer werdend, die Geschichten, die seine oft jungen Leser so schätzten. Den frühen Winnetou finden wir im zweiten, schnell aus älteren Geschichten gestalteten Band der ursprünglichen Trilogie. Im ersten und dritten Band begegnet uns die Idealgestalt, und zum symbolhaften Alterswerk gehört der vierte Band, der nun zumeist unter dem Titel „Winnetous Erben“ bekannt ist.

Mays Werke sind stark beeinflusst von Lessings Toleranzgedanken, wie er im Schauspiel „Nathan der Weise“ zum Ausdruck kommt. 4) May folgt aber auch einem anderen Vorbild: Johann Gottfried Herder vertritt in seinen „Ideen zur Geschichte der Menschheit“ die These, dass Menschen und Völker auf unserer Erde sich abhängig von örtlichen Umständen und Gegebenheiten, je nach den historischen Umständen in ihrem angeborenen oder sich erzeugenden Charakter entwickeln. Er fordert die Anerkennung der kulturellen Eigenständigkeit der Völker und damit auch die Toleranz gegenüber ihrer jeweiligen Andersartigkeit. Die vermeintlich primitiven Gesellschaften werden von ihm wegen ihrer relativen Glückseligkeit hervorgehoben. 5)

Freilich war Herder auf Reiseberichte angewiesen, die sehr unterschiedlich sichere Kunde aus Nordamerika lieferten: „Es ist sonderbar, daß sich so viele Nachrichten damit tragen, wie die westlichsten Nationen in Nordamerika zugleich die gesittetsten sein sollen. Die Assinipuelen hat man wegen ihrer großen, starken, behenden Gestalt und die Christinohs wegen ihrer gesprächigen Munterkeit gerühmet. Wir kennen indes diese Nationen und überhaupt alle Savanner nur als Märchen; von den Nadowessieren an geht eigentlich die gewissere Nachricht. Mit ihnen so wie mit den Tschiwipäern und Winopagiern hat uns Carver [in: Ebelings Sammlung von Reiseberichten Teil I. Hamburg 1780], mit den Tscherakis, Tschikasahs und Muskogen Adair [dessen „Geschichte nordamerikanischer Indianer 1782 in Breslau herausgegeben wurde], mit den sogenannten fünf Nationen Colden, Rogers, Timberlake, mit denen nach Norden hinauf die französischen Missionare bekannt gemacht, und bei allen Verschiedenheiten derselben, wem ist nicht der Eindruck geblieben von einer herrschenden Bildung wie von Einem Hauptcharakter? Dieser besteht nämlich in der gesunden und gehaltenen Stärke, in dem barbarisch-stolzen Freiheit- und Kriegsmut, der ihre Lebensart und ihr Hauswesen, ihre Erziehung und Regierung, ihre Geschäfte und Gebräuche zu Kriegs- und Friedenszeiten bildet. In Lastern und Tugenden ein einziger Charakter auf unserer runden Erde!“ 6)

Die Charakterbildung der Nationen versuchte Herder durch die vorgefundenen Gegebenheiten zu erklären: „Zwischen großen Seen und Strömen, in diesen Wäldern, auf diesen Wiesen formten sich andere Nationen als dort auf jenem rauhen und kalten Abhange zum Meer. Wie Seen, Gebirge und Ströme sich teilten, teilten sich die Völkerschaften: Stämme mit Stämmen gerieten in heftige Kriege, daher auch bei denen sonst gleichmütigen Nationen jener Kriegshaß der Völker untereinander ein herrschender Zug wurde. Zu kriegerischen Stämmen bildeten sie sich also und verleibten sich alle Gegenstände des Landes ein, das ihnen ihr großer Geist gegeben.“ 7)

Mit seinen Zusammenfassungen und Deutungsversuchen, mit seiner festen Überzeugung, dass jedes irdische Geschöpf in seiner Weise eine Berechtigung zu sein und zu leben hat, prägte Herder ein Menschenbild, das die Indianer als gleichwertig einschloss. Dieses Bild wurde beherrschend für die klassische deutsche Literatur, und Herders Einfluss reichte weit darüber hinaus. – Seine Vorstellungen und die Lessings lassen sich auch bei Karl May wiederfinden. Karl May sieht dazu alle Menschen, Europäer, Indianer, Afrikaner, Araber und Chinesen, auf dem Weg nach „Dschinnistan“, in das Reich des „Edelmenschen“. 8)
Anmerkungen:
1) Hermann Wohlgschaft: Große Karl May Biographie. Paderborn 1994, S. 254
2) Dieter Vorsteher im Vorwort zu: Sabine Beneke, Johannes Zeilinger: Karl May – Imaginäre Reisen. Ausstellungskatalog Berlin 2007, S.7
3) Thomas V. Hill: Grußwort. In: Auf den Spuren der Irokesen. Ausstellungskatalog Bonn 2013, S. 9
4) Siehe: Heinz Stolte: Auf den Spuren Nathans des Weisen. Zur Rezeption der Toleranzidee Lessings bei Karl May. In: Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft. Hamburg 1977, S. 17 ff.)
5) Siehe: Ekkehard Koch: „Jedes irdische Geschöpf hat eine Berechtigung zu sein und zu leben“. Zum Verhältnis von Karl May und Johann Gottfried Herder. In: Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 1981, S. 166 ff.
6) Johann Gottfried Herder: Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit. Neuausgabe Bodenheim1995, S. 171
7) Ebd., S. 171 f.
8) Karl May: Ardistan und Dschinnistan. Bd. I und II. Freiburg 1909

wird fortgesetzt