Das Bild vom edlen Indianer – eine literarische Spurensuche
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Text von Dr. Ingo Fiedler

 

Fortsetzung Teil 2

Schillers Totenklage eines Indianers

Die Suche nach dem einfachen, ursprünglichen, naturverbundenen Leben, die Vorstellung vom „edlen Wilden“ und die Wunschvorstellung, in der von der Zivilisation unverdorbenen Natur ein Paradies zu finden, wurde zum Allgemeingut der Dichter und Denker. – Lessings Toleranzgedanke und Herders Blick auf die Indianer, vielleicht verbunden mit einem kritischen Blick auf die US-amerikanische Verfassung, die die Freiheitsrechte Indianern und Afrikanern vorenthielt, und die Einsicht in das Unrecht des Kolonialismus erreichte auch die Dichter der deutschen Klassik. So schrieb Friedrich von Schiller:

Nadowessiers Todtenlied.

Seht, da sitzt er auf der Matte,
Aufrecht sitzt er da,
Mit dem Anstand, den er hatte,
Als er´s Licht noch sah.

Doch, wo ist die Kraft der Fäuste,
Wo des Athems Hauch,
Der noch jüngst zum großen Geiste
Blies der Pfeife Rauch?

Wo die Augen, falkenhelle,
Die des Rennthiers Spur
Zählten auf des Grases Welle,
Auf dem Thau der Flur?

Diese Schenkel, die behender
Flohen durch den Schnee
Als der Hirsch, der Zwanzigender,
Als des Berges Reh?

Die Arme, die den Bogen
Spannten streng und straff?
Seht, das Leben ist entflogen!
Seht, sie hängen schlaff!

Wohl ihm, er ist hingegangen,
Wo kein Schnee mehr ist,
Wo mit Mais die Felder prangen,
Der von selber sprießt;

Wo mit Vögeln alle Sträuche,
Wo der Wald mit Wild,
Wo mit Fischen alle Teiche
Lustig sind gefüllt.

Mit den Geistern speist er droben,
Ließ uns hier allein,
Daß wir seine Thaten loben
Und ihn scharren ein.

Bringet her die letzten Gaben,
Stimmt die Todtenklag´!
Alles sei mit ihm begraben,
Was ihn freuen mag.

Legt ihm unters Haupt die Beile,
Die er tapfer schwang,
Auch des Bären fette Keule,
Denn der Weg ist lang;

Auch das Messer, scharf geschliffen,
Das vom Feindeskopf
Rasch mit drei geschickten Griffen
Schälte Haut und Schopf;

Farben auch, den Leib zu malen,
Steckt ihm in die Hand,
Daß er röthlich möge strahlen
In der Seelen Land. 9)

Das Gedicht ist der Beginn des Indianer-Themas in der deutschen Lyrik. Auch wenn es nicht zum engen Kreis der populären Schiller-Gedichte zählt, so muss es doch als qualitätvoll eingeschätzt werden; dieser Meinung war auch Johann Wolfgang von Goethe, der am 23. März 1829 im Gespräch mit Eckermann äußerte: „Sie sehen, wie Schiller ein großer Künstler war, und wie er auch das Objektive zu fassen wusste, wenn es ihm als Überlieferung vor die Augen kam. Gewiß, die ,Nadowessische Totenklage´ gehört zu seinen allerbesten Gedichten, und ich wollte nur, daß er ein Dutzend in dieser Art gemacht hätte.“ 10)

Lenau bei den Indianern

Anders als Schiller, der für sein Gedicht auf Nachrichten aus Amerika angewiesen war, konnte Lenau, der eigentlich Nikolaus Franz Niembsch Edler von Strehlenau (1802-1850) hieß, aus eigener Anschauung schöpfen. Angeregt durch den von dem Arzt, Farmer und Friedensrichter Gottfried Duden (1785-1855) verfassten „Bericht über eine Reise nach den westlichen Staaten Nordamerikas“, der 1829 in Elberfeld erschienen war und die amerikanischen Verhältnisse in unrealistisch idealisierter Weise beschrieb, versuchte Lenau 1832 in Amerika ein neues, unabhängiges Leben zu beginnen. Dafür hatte er in Crawford Country (Pennsylvania) Grundbesitz erworben. Zu Pferde durchstreifte er die Wälder, von seinen Überlegungen bei Übernachtungen in Blockhäusern kündet sein Gedicht

Das Blockhaus
„Müdgeritten auf langer Tagesreise
Durch die hohen Wälder der Republik,
Führte zu einem Gastwirth mein Geschick…“

Und er fährt fort:

„Wie sich der Sturm bricht heulend am festen Gebäude,
Bricht sich Völkerschmerz an Despotenfreude,
Sucht umsonst zu rütteln die festverstockte,
Die aus Freiheitsbäumen zusammengeblockte.
Traurig war mir da und finster zu Muth;
Scheiter und Scheiter warf ich in die Gluth.
Mir erschien die bewegte Menschengeschichte
In des Kummers zweifelflackerndem Lichte…“ 11)

Eindrucksvolle, idealisierende Reisebeschreibungen der „neuen Welt“ hatten Lenau ins Abenteuer gelockt, doch sah er sich bitter enttäuscht: „Bruder, diese Amerikaner sind himmelanstinkende Krämerseelen. Todt für alles geistige Leben, mausetodt.“ 12) Dem negativen Reiseerlebnis: „Als Schule der Entbehrung ist Amerika wirklich sehr zu empfehlen“ 13), steht ein eindrucksvoller literarischer Ertrag gegenüber; so beschreibt er einen „Indianerzug“, wovon einige Verse nachstehend wiedergegeben
sind:

„Wehklage hallt am Susquehanna-Ufer;
der Wandrer fühlt sie tief sein Herz durchschneiden.
Wer sind die lauten, wildbewegten Rufer?
Indianer sind´s, die von der Heimath scheiden…

Stets weiter drängen uns, als ihre Heerde,
Stets weiter, weiter, die verfluchten Weißen,
Die kommen sind, uns von der Muttererde
Und von den alten Göttern fortzureißen…

Mir ist es klar, ich seh´s im Licht der Flamme.
Die mir das Herz verbrennt mit wildem Nagen:
Sie brachten uns das Heil am Kreuzesstamme,
Den Muth zur Rache an das Kreuz geschlagen.“ 14)

Und unter dem Titel „Die drei Indianer“ fühlt er sich in deren verzweifelte Situation ein:

Fluch den Weißen! ihren letzten Spuren!
Jeder Welle Fluch, worauf sie fuhren,
Die einst, Bettler, unsern Strand erklettert!
Fluch dem Windhauch, dienstbar ihrem Schiffe!
Hundert Flüche jedem Felsenriffe,
Das sie nicht hat in den Grund geschmettert!

Täglich übers Meer in wilder Eile
Fliegen ihre Schiffe, gift´ge Pfeile,
Treffen unsre Küste mit Verderben.
Nichts hat uns die Räuberbrut gelassen,
Als im Herzen tödtlich bittres Hassen.
Kommt, ihr Kinder, kommt, wir wollen sterben! 15)

Es beeindruckt, wie Lenau, dem stets eine tiefe rechtliche Gesinnung eigen war, für die Indianer eintritt. Für ihn war das Erlebnis, am Niagara-Fall zu stehen, wohl der Höhepunkt der Amerikareise, so dass Johannes Scherr (1817-1866) meinte: „Das Lied vom Niagara war allein schon eine Reise nach Amerika wert.“ 16) Drei Strophen mögen einen Eindruck geben:

„Wo des Niagara Bahnen
Näher ziehn dem Katarakt,
Hat den Strom ein wildes Ahnen
Plötzlich seines Falls gepackt.

Erd´ und Himmels unbekümmert,
Eilt er jetzt im tollen Zug,
Hat ihr schönes Bild zertrümmert,
Das er erst so freundlich trug.

Die Stromschnellen stürzen, schießen,
Donnern fort im wilden Drang,
Wie von Sehnsucht hingerissen
Nach dem großen Untergang.“ 17)

Anmerkungen:
9) Schillers Sämmtliche Werke Bd. I. Stuttgart 1883, S. 138 f.
10) Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens 1823-1832. I. Bd. Berlin 1916, S. 262
11) Lenau´s Werke. 1. Theil. Berlin o. J., S. 120 f.
12) Zitiert nach Robert Boxberger: Lenau´s Leben und Werke. In: Lenau´s Werke 5. Theil. Berlin o. J., S. 169
13) Ebd., S. 170
14) Lenau´s Werke. 1. Theil a. a. O., S.109 f.
15) Ebd., S. 113
16 Zitiert nach: Alfred Biedermann: Der Indianer im Leben und in der Dichtung Lenaus. In Christoph Lorenz (Hg.): Karl-May-Jahrbuch 1936. Bamberg 2020, S. 44
17) Lenau´s Werke. 1. Theil a. a. O., S.119